I. Beiträge zur Geschichte und Statistik der alten und neuen Großstraßen in Deutschland.

Von Fr. G. Landau in Kassel.

(Auszug eines größeren Werkes.)

Artikel I. Zur Geschichte der alten Straßen.

Die Straßen waren von jeher die Bänder, welche das bunte Gewühl der Menschenstämme durchschlingend und an einander reihend, alle Völker zu einem großen Ganzen verknüpften, oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, sie sind von jeher die Arterien und Venen der Nationen gewesen, auf denen die Bedingungen nicht nur des physischen, sondern ebenso sehr auch des geistigen LebenS derselben beruhten aber ungeachtet dieser hohen Bedeutung, welche die Kenntniß der alten Straßenzüge für das Verständniß der Geschichte hat, liegt dieser Theil der Kunde unseres Vaterlandes doch beinahe noch gänzlich im Dunkel. Nur den Straßen der Römer hat man bisher eine thätigere Aufmerksamkeit geschenkt, wogegen man auf die Frage nach den Straßen des Mittelalters nur auf einzelne Andeutungen und auf bloße Bruchstücke hingewiesen wird. Wohl haben, ihre Wichtigkeit ahnend, einzelne Forscher, doch immer nur nebenbei, es versucht, näher darauf einzugehen, aber das Dauernde solcher Einrichtungen nicht bemerkend, hielten sie sich meist an eine bestimmt beschränkte Zeit und hatten sich auch zu wenig auf eine solche Untersuchung vorbereitet, als daß es ihnen möglich gewesen wäre, größere Gebiete zu überblicken und zu einem befriedigenden Resultate zu gelangen. Ich darf deshalb wohl sagen, daß ich ein beinahe noch gänzlich unbebautes Feld betrete, wenn ich es versuche mindestens die Hälfte des deutschen Straßennetzes des Mittelalters zu entwirren und zu beleuchten. Wie aber überhaupt schon jeder erste Versuch auch bei dem angestrengtesten Streben niemals als eine abgeschlossene Arbeit betrachtet werden kann, so muß dieses hier sogar in einem noch höheren Grade der Fall sein, wo sich Schwierigkeiten der verschiedensten Art entgegenstellen und neben der historischen auch eine topographische Forschung nothwendig ist, die bei der Dürftigkeit der Hülfsmittel an Mühe und Arbeit jene sogar noch unendlich überwiegt.

Erst nach langjährigen Vorbereitungen bin ich zur Ausführung dieses Werkes geschritten, und habe dabei alle Hülfsmittel benutzt, welche sich mir darboten. Nur um den Bereich meiner Untersuchungen zu bezeichnen, gebe ich — eitlem Wunsche der Redaktion dieser Zeitschrift folgend — hier einen Auszug, gewissermaßen nur das Skelett des Ganzen, indem ich, was die weitere Ausführung und die historische Entwicklung betrifft, auf das demnächst erscheinende Werk selbst verweisen muß.

Den Straßen des Mittelalters lag weder ein bestimmtes System im Allgemeinen, noch ein künstlicher Bau im Einzelnen zu Grunde. Sie haben sich aus der Notwendigkeit, gewissermaßen auf natürliche Weise entwickelt und waren größtentheils nichts anderes, als durch Wandern und Fahren gebildete Wege. Eben darum hatte man meist die Höhen zu gewinnen gesucht, wo der, schon an und für sich trockene Boden eine festere Bahn verlieh, als das tiefere Thalland und nur die auch noch später gebrauchten Römerstraßen machten davon eine Ausnahme.

Schon in der frühesten Zeit unterschied man verschiedene Klassen von Straßen, von denen man die der ersten Reichsstraßen und Königsstraßen, Heer- und Helwege, Deut- und Volkswege, oder nach ihrer örtlichen Natur: Bergstraßen, hohe Straßen, Waldstraßen, Rennwege, Rennstiege:c. nannte, und schon die ältesten Gesehbücher enthalten Bestimmungen über ihre Breite und ihre Sicherung. — In Folge der Natur der alten Straßen gab es deren mehr als noch jetzt, und jede hatte in der Regel mehrere Bahnen. — Auch war ihre Frequenz außerordentlich wechselnd, denn Erhöhung der Zölle, Unsicherheit und andere Zustände führten oft auf kürzere oder längere Zeit gänzliche Verödungen herbei. — Gleich den schiffbaren Strömen gehörten die Straßen dem Reiche, waren sie königliche Regalien und nur durch kaiserliche Belehnung konnten sie in die Hände von Reichsangehörigen gelangen. Deshalb standen sie unter Königsbann und jeder der sie gebrauchte — oder nach alter Redeweise, jeder der sie baute — unter dem Land- oder Königsfrieden. Dieser Frieden legte dem Besitzer der Straße die Verpflichtung auf, den Wanderer zu schützen und den Schaden, welchen derselbe etwa durch Raub erlitt, zu ersehen, wodurch das Geleit entstand, dem nachher auch der Straßenzwang folgte.

Nach dieser Uebersicht der in der Einleitung besprochenen, hauptsächlichsten Gegenstände, gehe ich nun zu einer Andeutung der von mir geschilderten Straßenzüge über.

*) Der zweite Artikel, die jetzigen Hauptadern des großen Verkehrs betreffend, folgt in einem der nächsten Hefte.

1) Straßen zwischen Mainz und Frankfurt — und Leipzig.

Hier betreten wir sogleich noch jetzt sichtbare Römerstraßen. Während eine Straße von Kastell über Idstein nach Butzbach führte, zog eine andere zu der südwestlich von Hofheim liegenden römischen Feste und theilte sich hier in mehrere Arme, welche alle in die von Frankfurt nördlich führenden Straßen mündeten. Eine andere am Maine hinauf laufende Straße zog dagegen nach Frankfurt selbst. Hier mündete dann auch die, schon im achten Jahrhundert vorkommende über den Neckar führende Bergstraße, sowie noch eine andere bei Oppenheim den Rhein überschreitende Straße. Ein zweiter Uebergangspunkt über den Main war bei Höchst, westlich von Frankfurt.

Von Frankfurt gegen Norden zogen drei, übrigens durch viele Nebenwege durchschlungene, Straßen, von denen die oberste und Mittelstraße sich zu Butzbach wieder einigten, die unterste Straße aber eine mehr östliche Richtung nahm und nach Grünberg führte.

Auf der zu Butzbach vereinigten Straße wanderte man weiter über Gießen, Kirchhain, Treisa, Homberg und von da auf zwei Bahnen über die Fulda bis Spangenberg, wo beide sich wieder einigten. Von Spangenberg zog man weiter über Waldkappel, Bischhausen, Netto und Kreutzburg und südlich sich wendend nach Eisenach.

Die zu Grünberg verlassene Straße ging ebenwohl in zwei Arme theils über Grebenau, theils über Alsfeld nach Hersfeld; auch von da aus streckten sich verschiedene Aeste aus, welche theils zu Verla und theils zu Vach zusammentrafen und auf den dortigen Brücken die Werl« überschritten.

Außer diesen Straßen ging südlich derselben noch eine Reihe von Straßen gleich den Strahlen eines Sternes von Frankfurt aus, welche theils über den Vogelsberg, theils südlich von diesem Gebirge nach Fulda und Hersfeld fühlten, von denen ich hier aber nur die Wichtigern erwähnen kann.

Vor allen gehört dahin jene von Frankfurt ausgehende und über Bergen ziehende noch heute s.g. hohe Straße. Unter mancherlei wechselnden Namen zog sie fortwährend auf dem Kamme der Höhen hin bis Fulda.

Ebenso ist auch die von Frankfurt über Hanau noch heute im Kinzigthale hinauf nach Fulda ziehende Straße uralt, gleichwie noch eine andere hohe Straße, welche auf den Vorhöhen des Spessarts und dann der Länge nach über die Rhön ziehend demselben Ziele wie die vorigen zuführte.

Von Fulda aus führten mehrere Straßen nach Hersfeld, audere aber mehr östlich theils nach Salzungen und Herrenbreitungen und über die Höhen des Thüringer Waldes in die sächsische Hochstraße, theils nach Nach. Auch von hier gingen wieder mehrere Straßen aus, von denen die wenigstens im sechszehnten Jahrhundert belebteste an der Werra hinauf und über die Vorhöhen des Thüringer Waldes nach Eisenach führte und weiter über Gotha, Erfurt, Buttelstädt, Eckartsberge, Naumburg und Weißenfels nach Leipzig zog; eine von dieser abgehende Straße führte über Altenburg nach Dresden. Noch eine andere nahm ihren Weg von Eisenach über Langensalza, Tennstedt, Weißensee und Kölleda und einigte sich zu Eckardsberge mit der vorerwähnten.

Beinahe alle diese Straßen lassen sich schon in sehr früher Zeit, zum Theil schon im achten und neunten Jahrhunderte, mit Sicherheit nachweisen und haben zahllosen Heeres- und Handelszügen gedient. Die über Bergen nach Fulda führende Straße fand schon 736 der h. Sturm unter dem Namen des Orteswegs und den von dieser ab nach Hersfeld und bei Berka über die Werra führenden Arm bezeichnet er als denjenigen Weg, auf welchen die mainzischen Kaufleute nach (Nord) Thüringen zogen. Auch die Feldzüge Heinrich IV. gegen die Sachsen lassen uns häufig diese Straßen erkennen und werden durch dieselben oft auf überraschende Weise erhellt. — Die polnischen und russischen Kaufleute, welche zur Messe nach Frankfurt a.M. zogen, gingen früher und noch im 16. und 17. Jahrhundert über Leipzig, wo sich ihnen die von dort anschlössen. Während jedoch die Kaufleute die Straße von Eisenach über Hersfeld, Alsfeld, Grünberg etc. einschlugen, sendeten sie ihre Güterwagen auf dem zwar langen, aber, weil er mitten durch die Gebiete der Landgrafen von Hessen führte, weit sicherern Wege über Kreuzburg, Waldkappel, Spangenberg, Homberg, Treisa, Kirchhain, Gießen etc. nach Frankfurt. Dieser längere Weg hatte die eigenthümliche Bezeichnung „durch die langen Hessen," wogegen jener kürzere „durch die kurzen Hessen" genannt wurde.

Von Leipzig führten Straßen über Düben, Wittenberg und Treuenbritzen nach Berlin, sowie über Halle und Bernburg nach Magdeburg uud den Hansestädten. Die alte jetzt verödete hohe schlesische Straße, welche von Leipzig nach Polen und Rußland führte, zog über Oschatz, Boritz, Morschwitz, Großenhain, Budissin, Schöps, Görlitz etc. und tritt schon bei dem Feldzuge Kaiser KonradS im Jahre 1004 hervor, gleich wie dieses auch mit der Straße der Fall ist, welche über Lomatsch nach Meißen und Dresden und weiter nach Böhmen führte. Eine nicht minder alte böhmische Straße zog bei Grimma und Döbeln vorüber.

Endlich ist noch einer Straße zu gedenken, welche zu Naumburg von der Frankfurt-Leipziger abging und über Osterfeld, Droisig, Zeitz etc. nach Dresden führte; eS ist dieses dieselbe, welche 1080 Heinrich IV. einschlug, als er sich von Naumburg vor dem Sachsen-Heere zurückzog, welches ihn an der Elster erreichte und gänzlich vernichtete. (Es ist mir geglückt über dieses bis jetzt noch unbekannte Schlachtfeld die genauesten Nachrichten geben zu können.)

2) Straßen zwischen Frankfurt und Magdeburg.

Der Reisende, welcher von Frankfurt nach Magdeburg zog, folgte anfänglich den Straßen, welche den leipziger und hanseatischen Zügen angehörten, und verließ dieselben meist erst jenseits des Hessenlandes. Die südlichste Straße führte über Vach oder Berka auf Langensalza etc. Eine andere folgte der Straße „durch die langen Hessen" bis gegen Eschwege, wo sie sich nach Mühlhausen wendete. Eine dritte nicht minder alte und noch heute bestehende Straße zog über Witzenhausen, Heiligenstadt, Nordhausen, Quedlinburg etc. Eine vierte ging über Kassel, Münden, Göttingen und entweder südlich am Harz hin über Dudelstadt und Halberstadt oder nördlich dieses Gebirgs über Goslar. Endlich eine fünfte und schon im 11. Jahrhunderte vorhandene zog über Kassel, durch den Reinhardswald, über die Weser und über Nordheim in die eben erwähnte über Goslar führende Straße. — Die Reisenden, deren Ziel Wittenberg war, verließen die Magdeburger Straße zu Sangerhausen.

Die von Magdeburg nach Polen führende Straße erkennt man deutlich aus dem Feldzuge Kaiser Konrad II. gegen den Herzog Boleslav i.J. 1015.

3) Oestliche Straßen vom Niederrhein. Schon seit den frühesten Zeiten führten zwei Hauptstraßen aus der Gegend von Wesel nach Münster, die eine über Bocholt und Koesfcld, die andere über Haltern, Sitnen und Dülmen, welche beide sich schon auS den Fcldzügen der Römer und denen der Karolinger nachweisen lassen. Von Münster weiter ging eine Straße nach Osnabrück, eine andere aber über Herford und bei Reme, an der Mündung der Werra, inS Weserthal. Die Straße, welche Wesel mit der Obcrweser verband, führte längs der Lippe hinauf über Lünen, Hamm, Lippburg, LicSborn und Lippstadt nach Paderborn. Zu Essen vereinigten sich drei von Wesel, von Ruhrort und von Düsseldorf kommende Straßen und zogen in einer Straße, die noch jetzt der Helweg genannt wird, über Eteele, Bochum, Dortmund, Unna, Werl, Soest, Gescke ic. ebenwohl nach Paderborn. Eine südlichere Bahn derselben Straße ist unter dem Namen deS Haarwegs bekannt. Von Köln zog zunächst eine Straße über Mühlheim, Lennep, wo eine von Düsseldorf kommende zu ihr stieß, weiter über Unna und nach Paderborn. Eine andere von Köln nach Paderborn ziehende hohe Straße ging über Wipperfürth, Lüdenscheid, Werdohl, Arensberg «nd beim Haarhof in den Haarweg, nachdem sie noch mehrere andere von Köln ausgehende Straßen aufgenommen hatte. Paderborn war hiernach ein wichtiger Kartenpunkt, und die Fortsetzung der Straße von da weiter gegen Osten führte über Hörter, Dassel, Eimbeck, Gandersheim ic. Der größere Theil aller dieser Straßen zeigt sich uns schon theils in den Zügen der Römer, theils in dem langen Kampfe Karl des Gr. gegen die Sachsen. Aber auch in der späten Zeit treten sie uns noch vielfach entgegen.

4) Straßen von Frankfurt nach dem östlichen Westphalen.

Es sind hier vorzüglich zwei Straßen zu bemerken. Die eine, welche von Frankfurt auf der schon oben erwähnten Straße gegen Norden zog, führt, nachdem sie zwei von Mainz kommende Straßen zu Butzbach und Gießen aufgenommen hatte, über Marburg und Wetter ins Ederthal, wo schon die Schlacht bei Leise und Battenfeld im J. 778 an sie erinnert. Hier theilte sie sich. Ein Arm zog über Hallenberg und Brilon nach Lippstadt und dann links nach Osnabrück, rechts aber nach Minden. Der an der Eder abgeschiedene Arm führte über Frankenberg, Sachsenberg und über Medebach in die Lippstädter Straße.

Die andere vom Main kommende Hauptstraße ging über Siegen nach Meschede und Paderborn.

5) Straßen aus Niederland und vom Niederrhein nach Frankfurt.

Zu Ruhrort vereinigten sich mehrere aus dem Rheinthal kommende Straßen zu einer Bahn, welche über Olpe nach Siegen führte, wo eine Straße von Osnabrück und Münster einmündete; auch zu Hadamar nahm sie eine kölnische Straße auf, sowie zu Limburg eine von Koblenz ausgehende. Zu Limburg trat dann wieder eine Verzweigung ein, indem von da eine Straße über Kirberg nach Wiesbaden führte, welche schon im achten Jahrhundert die Bubenheimer Straße genannt ward; eine andere, welche ebenfalls schon im J. 812 sich findet, führte am Taunus hin, und unter Kronenberg vorüber nach Frankfurt, gleich einer dritten, welche über Usingen und Homburg an der Höhe zog. Auch die noch heute von Koblenz über Nassau und Langenschwalbach nach Wiesbaden ziehende Hochstraße findet sich schon 8l2. Endlich gehören diesem Zuge noch einige von Köln und aus dem Niederlande kommende Straßen an, auf deren Ausführung ich jedoch hier nicht eingehen kann, um das mir gesteckte Ziel nicht zu überschreiten.

6) Straßen zwischen Frankfurt und Nürnberg.

Eine auch noch bis in spätere Zeiten belebte Hochstraße, welche diesem Zuge gehörte, führte über Hanau und über den langen einsamen Birkenhain, zwischen dem Bieder- und Kahlgrunde, und ging von der Höhe zwischen Bieder und Lohrhaupten in mehrere Arme vertheilt in das Mainthal herab und auf Würzburg. Mehrere andere und zwar zum Theil Bergstraßen führten über Aschaffenburg ebenfalls nach Würzburg, von wo dann weiter verschiedene Straßen theils über Dettelbach und Schlüsselfeld, theils über Kitzingen und Neustadt an der Aisch, theils über Ochsenfurt, Windsheim und Markerlbach nach Nürnberg führten. Ferner zog eine Straße von Aschaffenburg über Miltenberg, Mergentheim, Weikertsheim, Rotenburg uud Ansbach nach demselben Ziele.

7) Straßen von Mainz nnd Frankfurt nach der Weser, nach Braunschweig nnd nach den Hansestädten. Die westlichste durch Hessen nach der Niederweser und Niederere führende Straße zog über Gießen, Marburg, Frankenberg, Sachsenberg und Korbach, wo sie sich theilte und links über Stadtberg (die alte Eresburg), Paderborn, Lippspring und hier sich wieder theilend links über Detmold nnd Lemgo nach Rinteln, rechts über Hörn und Hameln nach Hannover in die nürnberger hanseatische Straße führte. Der andere von Korbach rechts abgehende Arm ging über Rohden und an Klcincnberg hin und mündete in die erwähnten Straßen nach Rinteln nnd Hameln. Eine andere dieser Richtung gehörige Straße ging mit der „durch die langen Hessen" bis Homberg. Eine in ältester Zeit aber noch wichtigere Straße als diese zog von Frankfurt über Grünberg und Burggemünden, und ebenwohl nach Homberg, oder durch eine Seitenstraße nach Fritzlar. Auch die noch hente bestehende Frankfurter Straße über Marburg und Iesbcrg ist alt, doch ehemals weniger benutzt. Theils über Fritzlar, theils über Homberg zog die Straße in mehreren Verzweigungen nach Kassel. Eine Menge von Thal- fachen sprechen für das hohe Alter aller dieser Straßen. Von Kassel gingen dann Straßen ans: über Warburg nnd Paderborn nach Bremen, über Brake! ins mittlere Wcscrthal; über Helmarshausen ebenfalls ins Weserthal; über Immenhausen, durch den Neinhardswald und über die Weser in die nach den Hansestädten führenden Straßen. Ferner ging eine Straße im Weserthale hinab, sowie eine andere über Eimbeck nach Gaudersheim, wo sie sich theilte nnd links über Hildeshcim und rechts über Branuschweig nach Hamburg führte. Oestlich der Weser zog eine alte Hochstraße durch den Solling hinab, welche mehr nördlich schon fehl frühe unter dem Namen des HessenwegS vorkommt, und Viemen zu ihrem Ziele hatte. Endlich ist auch noch der von Kassel über Münden ziehenden Straße, sowie derjenigen zu gedenken, welche von Homberg über Melsungen nach Wihenhausen und dort in die nürnberg-hanseatische Sttaße führte. 8) Straßen aus den Niederlanden und vom Niederrhein nach Leipzig und Nürnberg. Die nördlichste der Straßen dieses ZugeS, welche ich andeuten kann, führte über Minden, Rinteln und Hameln und von da nach Eimbeck. Eine zweite überschritt bei Holzminden die Weser. Zu Hölter trafen zwei Straßen in dem Weserthal zusammen, von denen die eine von Rinteln, die andere von Osnabrück über Herford und Detmold kam. Eine übel Münster ziehende Sttaße führte nach Padelboln und von da links nach der Dlemelmündung, lechlS aber über Marburg nach Kassel. Zu tonten war für die aus den Niederlanden nach Kassel ziehenden Straßen der HauptübergangSpunkt über den Rhein. Die belebteste Straße zog über Lippstadt und Warburg. Auch von Düsseldorf führte eine Straße über Elberfeld, Meschede, Brilon, Arolsen und Marburg nach Kassel. Die von Köln ausgehende Straße zog über Wipperfürth, Meiuerzhagen, Winterberg und Korbach nach Kassel. Alle diese Straßen führten theilS gen Leipzig, theilS gen Nürnberg. Die von Kassel ziehende leipziger Straße führte über Walrkappel, Netra undKrenz- burg, die nürnberger hingegen in verschiedenen Zügen entweder über Verla oder Vach. Eine andere führte im Fuldathale hinauf über Melsungen und Rotenburg und weiter nach Verla oder Vach. Von beiden Orten gelangte man nach Salzungen i» die «ülubelgei Straße oder schlug die sächsische Straße über Eisenach ein. Noch eine andere Straße blieb im Fuldathale und führte über Hersfeld und Fulda und durch den Einngrund über Hamelburg und Würzburg. Beinahe alle diese Straßen werden schon frühe uud insbesondere in den Feldzügen Heinrich IV. bemerklich.

9) Straßen aus den Niederlanden und von Köln und Koblenz über den Westerwald durch Hessen nach Leipzig und Nürnberg.

Die von Köln ausgehende und noch jetzt zum Theil erhaltene Straße fühlte über Siegberg, Altenkirchen, Hachenberg und Herborn und bei Kirchhain in die schon erwähnte Straße „durch die langen Hessen." In derselben Gegend schloß sich ihr auch eine von Koblenz über Montabaur und Limburg kommende Straße an. Erst jenseits der Fulda schieden sich die nach Leipzig und Nürnberg bestimmten Wagen und zogen nach Kreuzburg, Berka ober Vach.

10) Straßen zwischen den Hansestädten und Nürnberg, ES waren vornehmlich zwei Hauptstraßen, welche dieser Verbindung dienten. In einer Bahn von Hambulg ausgehend, trennten sie sich zu Uelzen. Die mehr östlich sich haltende Straße überschritt bei Gifhorn die Aller, und ging über Braunschweig, wo eine bremer Sttaße einmündete, übel Wolfenbüttel, Halberstadt, ManSfeld, Weißens«, Elfurt, wo sie die rheinisch-sächsische Straße durchkreuzte und deshalb auch die Kreuzstraße genannt wurde, über Arnstadt, über den thüringer Wald nach Ilmenau, Eisfeld und Koburg nach Nürnberg. Die andere von Uelzen abgehende Straße zog nach Zelle, wo ein Seitenarm über Hannover abging, über Hildesheim, Gandersheim, Nordheim, Göttingen, an Wihenhausen vorüber und zu Allendorf auf das linke und erst zu Verla wieder auf das rechte Werra- ufer. Von Verla ging die Straße weiter über Marlsuhl, Herrenbreitungeu, Wasungen, Meiningen, Römhild, Königshofen und Schweinfurt nach Nürnberg. Zwischen diesen beiden Hauptstraßen liefen übrigens noch mehrere Zwischenstraßen. Eine derselben ging über Hildesheim, Seesen, Giebolbehausen, Duderstadt, Dingelstädt, Eisenach und zu Marlsuhl in die Hauptstraße. Wenn auch von jeher von Bedeutung, so gewannen diese Straßen doch seit dem I. 1569 eine noch weit höhere Wichtigkeit, denn damals sahen sich die Engländer durch die niederländischen Unruhen veranlaßt, ihre Faktoreien von Antwerpen nach Hamburg zu verlegen, wodurch der englische Güterzug nach Nürnberg, Augsburg und Venedig auf diese Straße» gelenlt wurde. Außer jenen drei Straßen, welche im sechzehnten Jahrhundert als die bedeutendsten bezeichnet werden, dienten übrigens noch mehrere andere Straßen demselben Zwecke. Von diesen fühlte eine bei Winsen über die Elbe, durch die lüneburger Haide, bei Winsen über die Aller und dann weiter über Hannover und Eimbcck; eine andere ging zu Dingelstädt ab und zog über Mühlhausen, wo eine neue Verzweigung Statt fand. Schon frühe zog eine Straße von Braunschweig über Osterwick und Wernigerode nach Nordhausen, Sondershausen, Langensalza, wo sie sich theilte und entweder über Eisenach an die schon erwähnte nürnberger Straße führte oder über Gotha sich wendend in mehreren Armen über den thüringer Wald stieg, um jenseits desselben sich mit einer der schon erwähnten Straßen zu vereinigen.